Tatsächlich Liebe (Predigt zu 1. Joh 3,1–5)
Liebe glitzert zwischen Lamettafäden am Christbaum. Nach Liebe schmecken die Vanillekipfel meiner Mutter. Liebe lacht mich im Weihnachtsengel an, den mir meine Tochter gemalt und unter den Weihnachtsbaum gelegt hat. Und im Fernsehen läuft „Tatsächlich Liebe.“ Dieser Film mit Hugh Grant, Emma Thompson und Keira Knightley, in dem sich am Ende fast alle in den Armen liegen. Er läuft dieses Jahr insgesamt sieben Mal in der Weihnachtszeit.
Manchen Menschen ist das ja zu viel. Zuviel Lametta. Zu viel Kitsch. Zuviel Idylle. Die sagen: Weihnachten so zu feiern, ist eine Flucht vor der Realität. Ein Augenverschließen vor der Wut und dem Hass, die Menschen jede Woche auf die Straße tragen oder in die Welt posten. Ein Wegsehen vor den Streitereien, die so viele Familien zerreißen. Von den Kriegstoten ganz zu schweigen.
Können wir Weihnachten dieses Jahr als Fest der Liebe zelebrieren?
Lassen wir mal das Lametta außen vor und auch den Gänsebraten, die Geschenke und Hugh Grant, Emma Thompson und Keira Knightley. Jedenfalls vorerst.
Reduziert auf seinen Kern, auf sein Wesen, bedeutet Weihnachten: Einem Kind zu begegnen und das Kind in sich selbst wiederzufinden.
Weihnachten heißt: Einem Kind zu begegnen und das Kind in sich selbst wiederzufinden.
Weihnachten begegne ich einem Kind. Ich bin natürlich gestern und heute schon vielen Kindern begegnet. Vor allem meinen eigenen. Und die eigenen Kinder sind ja besonders dazu geeignet, einem zu Weihnachten das Herz zu erwärmen.
Aber unsere eigenen Kinder sind jetzt nicht gemeint. Zu Weihnachten geht um ein spezielles Kind. Um das Kind fremder Eltern. Das Kind von Maria und Joseph. Fremde Kinder haben es oft ein bisschen schwerer in unserem Herzen. Jedenfalls weiß ich das von mir. Ich neige dazu, die Kinder anderer Eltern mit meinen eigenen zu vergleichen.
Und das mach ich jetzt auch mit diesem Kind. Ich vergleiche das Kind, das Maria zur Welt gebracht hat mit meinen eigenen Kindern, der Einfachheit halber mit meinem großen Sohn. Der ist nämlich vor 13 Jahren auch in der Weihnachtszeit auf die Welt gekommen.
Ich schaue in die Krippe, ich vergleiche und ich erschrecke. Wirklich ich erschrecke jedes Jahr aufs Neue zu Weihnachten.
Denn was sehe ich?
Ich sehe einen kleinen jüdischen Jungen, der ganz anders zur Welt kam als mein Weihnachtsjunge. Ich habe mein Kind in einem sauberen hygienischen Krankenhaus zur Welt gebracht, mit der Unterstützung von Ärzten und Hebammen, die auch dringend nötig war. Maria hatte das nicht. jedenfalls schweigt die Bibel darüber. Wenn es bei der Geburt von Marias erstem Kind Komplikationen gegeben hätte, wären beide vermutlich gestorben. Nach der Geburt wurde mein Sohn gewogen, gewaschen und untersucht und dann in ein schönes warmes Bettchen gelegt. Das stand gleich neben meinem Bett. An dem war eine Klingel befestigt, mit der ich Tag und Nacht eine Schwester rufen und sie bitten konnte, mir zu helfen. Sie hat mir beim Stillen geholfen und Essen gebracht und später auch zwei Blutkonserven.
Und nun schaue ich in die Krippe und sehe ein Kind vor mir, dass seine blutjunge Mutter wahrscheinlich ohne jede Hilfe zur Welt gebracht hat. Das nicht in einem warmen Bettchen, sondern in einem Futtertrog liegt, der vielleicht aus Holz, vielleicht auch aus Stein war und in einem Stall steht oder vielleicht auch in einem Haus, in dem Menschen mit ihren Tieren zusammenlebten. So genau weiß man das nicht. Auf alle Fälle hat es da, wo Marias Kind auf Welt kam, nach Tieren gerochen, nach Dung und nach Armut.
Und wisst Ihr was ich jetzt am liebsten tun würde? Am liebsten würde ich das Kind aus diesem Futtertrog heben, in eine dicke Decke wickeln und es zusammen mit Joseph und Maria mit zu mir nach Hause nehmen, Maria eine Hühnerbrühe kochen und Joseph zeigen wie das mit dem Windeln geht. Ich würde Marias Mutter anrufen und fragen, ob sie kommen kann und dann die Hebamme, die bei uns in der Nähe wohnt und sie bitten doch mal vorbeizuschauen und nach dem Baby zu sehen. Ich würde die Kisten aus dem Keller holen, in dem wir die Kindersachen aufbewahren und schöne Strampler heraussuchen und sie schnell noch mal bei 90° waschen.
Aber das ist unmöglich. Ich kann das Kind da nicht wegholen. Es bleibt im Stall, es bleibt in dem Futtertrog, ohne warme Decke, ohne Wärmelampe, ohne frisch gewaschenen Strampler. Und es kommt noch schlimmer. Bald muss diese junge Familie ja schon wieder aufbrechen. Fliehen vor einem wutentbrannten Mann namens Herodes. Und während ich noch hin und her überlege, wie ich Maria und Joseph und dem Kind helfen kann, sagt mir Joseph seinen Namen: Jesus. Jeschua. Und das heißt Rettung. Und Maria flüstert: "Er ist Gottes Geschenk für diese Welt." Und in diesem Augenblick läuft das, was mit diesem Kind geschehen wird, wie im Zeitraffer vor mir ab. Wie dieser kleine Junge heranwächst und erwachsen wird und seine Familie verlässt und ein unstetes Leben beginnt. Wie er ein Wanderer wird, der früh nicht weiß, ob er die Nacht als Gast in einem Haus verbringen wird oder wieder in einem Stall oder unter freiem Himmel schlafen muss. Der so schön von Gottes neuer Welt erzählen und sie herbeizaubern kann und dafür von den einen geliebt und gefeiert wird und von den anderen angefeindet und gehasst.
„Das ist tatsächlich Liebe“ denke ich. Dass Gott sich hineingibt in diese Art von Leben: In eine Welt, in der viele Frauen ihre Kinder ohne Hilfe gebären müssen, in der es Wut gibt und so viel Unsicherheit. Es ist eine Liebe, die gerade nicht die Augen verschließt vor der harten Wirklichkeit, wie wir sie in diesen Tagen erleben.
Und das alles sehe ich in diesem Säugling, dem ich am Weihnachtsfest begegne. Ich finde das Gotteskind in der Krippe, klein und zerbrechlich. Und dann finde ich es auch in mir. Und dieses Gotteskind in mir ist genauso so, klein und verletzlich wie das Kind in der Krippe. Oft muss es zurückstehen, bleibt versteckt hinter Ungeduld und schlechten Laune und Müdigkeit. Und doch ist es immer da und macht sich auch immer wieder bemerkbar in mir. Auch das Gotteskind in mir muss größer und größer werden wie der kleine Junge in der Krippe. Auch das Gotteskind in mir wird noch zeigen, was in ihm steckt. Es wird scheitern und sich weiter bemühen und hoffen irgendwann doch der Liebe Gottes zu entsprechen, die sich in der Weihnacht offenbart hat.
Weihnachten 2021. Liebe glitzert zwischen Lamettafäden am Christbaum. Nach Liebe duften die Vanillekipfel. Sie ist auf Geschenkbänder gedruckt. Sie raschelt leise, wenn sich das Kind in der Krippe bewegt. Sie ist im Gähnen von Joseph und im Lachen der Maria und all der anderen Gotteskinder.